Thomas Morgenstern über das … FLIEGEN
Manchmal fragt er sich schon, was er da tut. Sekundenbruchteile später fliegt er 200 Meter
weit durch die Luft. Er ist für seinen risikofreudigen Sprungstil bekannt – und der Erfolg gibt ihm
recht. Thomas Morgenstern zählt zu den Überfliegern der Skisprungszene. Kein Wunder: Denn Fliegen
ist seine Leidenschaft.
Interview: Alex Heuber
Thomas, können Sie fliegen?
Ja, das kann ich! Sogar sehr gut, und zwar mit einem Flugzeug.
Aber ohne Flugzeug funktioniert das Fliegen auch.
Klar, bei mir funktioniert auch das Skifliegen. Das war schon früh mein Traum und ich habe ihn
verwirklicht. Die Schanzen wurden immer größer und ich immer erfolgreicher. Einen weiteren Traum
habe ich mir letztes Jahr mit dem Pilotenschein erfüllt. Jetzt kann ich auch mit einer Cessna
fliegen.
Und einen Fallschirmsprung haben Sie auch hinter sich.
Richtig. Ich hab‘ fast alles, was mit Fliegen zu tun hat, schon ausprobiert.
Woher kommt die Lust am Fliegen? Liegt das im Blut?
Ich komme aus einer sportlichen Familie. Mein Onkel war als alpiner Skirennfahrer bei den
Olympischen Spielen in Innsbruck am Start. Ich stand früh auf den Skiern, war aber meistens mit
Schanzenbauen beschäftigt. Irgendwann hat mich mein Vater zur ersten echten Skisprungschanze
gefahren. Dann wurden die Schanzen Stück für Stück größer.
Und die Sprünge immer weiter. Ihr persönlicher Weitenrekord liegt
heute bei 225,5 Metern. Wie lange ist man bei einem solchen Sprung in der Luft?
Ehrlich gesagt, hab’ ich noch nie mitgestoppt. Aber grundsätzlich sind das wohl sechs bis acht
Sekunden Flugzeit.
Und die gefühlte Flugzeit?
Wenn man in einem echten Flow-Zustand ist, wenn der geistige Zustand voll da ist, dann kann
sich so ein Sprung beinahe ewig anfühlen. Man fliegt, man steuert in der Luft, das ist der Traum
vieler Menschen. Es ist schon unglaublich, dass man nur mit einem Paar Skiern an den Füßen über 200
Meter weit springen kann.
Woher kommt der Wunsch der Menschen, sich in die Luft zu
erheben?
Vielleicht sehen die Menschen den Vögeln hinterher und wünschen sich, das Gleiche tun zu
können. Einfach weg und fliegen. Die Dinge von oben betrachten, aus einer anderen Perspektive.
Außerdem ist es die Herausforderung, etwas Neues zu entdecken. So wie unter Wasser. Die Menschen
haben sich auch Flossen angezogen und das Tauchen erfunden, weil sie wissen wollten, was da unten
los ist.
ÖSV-Sportdirektor Toni Innauer hat Sie einmal als „reinrassiges
Rennpferd“ bezeichnet. Nun sind aber Rennpferde nicht für ihre Flugfähigkeiten bekannt.Wie hat er
das gemeint?
Ich bin einer, der sich immer voll reinhängt. Ich suche den Vergleich und den Sieg. Ich will
immer gewinnen. Und das nicht nur beim Skispringen. Auch beim Tischfußball oder beim Dartspielen.
Das macht es im Umgang mit anderen Menschen manchmal ein wenig schwerer. Aber mich macht es
stark.
Sie sagen auch, Sie wollen nie einen Sicherheitssprung machen.
Meine Kollegen bezeichnen mich oft als „Mister Selbstvertrauen“. Wenn ich oben stehe, will ich
ganz vorne sein. Auch, wenn ich nicht in Form bin. Mit einem Sicherheitssprung wird man nie
gewinnen.
Man hat einen fixen Anlauf, fährt in der Spur nach unten, springt ab –w
ie kalkuliert man da Sicherheit oder Risiko?
Bei einem Risikosprung geht man einfach aufs Ganze. Faktoren wie der Wind werden ausgeblendet.
Wenn man bei Aufwind voll nach vorne rausspringt, kann das ein Risiko sein. Mich hat’s schon einmal
überschlagen. Das merkt man sich. Seitdem habe ich auch mehr Respekt vor den äußeren
Verhältnissen.
Es ist immer vom „Fluggefühl“ die Rede. Was genau ist das?
Fluggefühl hat grundsätzlich jeder Athlet, der vorne mitspringt. Faktoren wie Körperbau oder
Materialien sind wichtig. Aber vor allem, wie man die Luft spürt und damit umgeht. Der eine dreht
die Hand und erhöht damit den Luftwiderstand, der andere kantet den Ski auf und erhöht damit die
Angriffsfläche. Jeder macht es ein wenig anders. Dadurch unterscheiden sich die Fluggefühle. Und
die richtigen Flieger von ...
... denen, die eben wie nasse Säcke runterfallen.
So ungefähr. Manche können gut fliegen, dann gibt es wieder Athleten, die eine bessere Technik
am Schanzentisch haben und höher rausspringen. Es ist nicht leicht nachzuvollziehen, weil kaum
einer diese Sportart jemals ausprobiert hat.
Man kann beobachten, wie die Springer mit kleinsten Armbewegungen ihre
Haltung korrigieren. Spüt man die Luft wirklich so deutlich? Ist Luft nicht nur Luft?
Beim Springen wird die Luft zu starkem Wind. Man muss nur im Auto bei 100
km/h die Hand aus dem Fenster halten. Das ist unsere Anfahrtsgeschwindigkeit. Die Luft wird
jetzt zur Strömung. Halte ich die Hand flach in den Wind, wird der Widerstand, der Auftrieb größer.
Spreize ich die Finger, wird die Angriffsfläche noch größer, weil durch die Zwischenräume keine
Luft strömt.
Und die Luft selbst? Ist die überall gleich? Oder ist sie in Finnland
anders als zum Beispiel in Japan?
Es ist ein Unterschied, ob man auf Meereshöhe oder auf 2.000 Metern springt. Oben ist die Luft
dünner und hat weniger Auftrieb. Auch die Temperatur ist ausschlaggebend. Ich springe lieber im
Winter, da sind die Verhältnisse meist konstanter, weil weniger Thermik entsteht.
Welche Rolle spielt der Wind?
Wind von vorne gibt Auftrieb. Rückenwind drückt von hinten und saugt einen förmlich runter auf
den Boden. Das hat gravierende Auswirkungen auf die Weite.
So wie das Gewicht.
Natürlich. Ein Blatt Papier ist länger in der Luft als ein Stein. Mit der Einführung eines
Body-Mass-Index von 20 inklusive Wettkampfkleidung wurde die vielleicht beste aller Regeländerungen
getroffen. Das Gewicht ist reglementiert ...
... und das Hungern endlich vorbei?
Der Sprunganzug und die Schuhe wiegen etwa 3,5 Kilo. Das entspricht dann einem realen BMI von
18,5. Das ist immer noch sehr wenig, aber endlich gibt es ein Limit. Es ist keine gesundheitliche
Gefährdung mehr, man kann vernünftig trainieren und athletisch sein. Mir kommt es entgegen, weil
ich nie der Hungertyp war. Jetzt hat man ein Ziel vor Augen, ein konkretes Gewicht. Früher hat man
sich eben runtergehungert – manche bis zur Magersucht.
Trotzdem kommt es zu extremen Leistungsschwankungen. Springer wie Sven
Hannawald oder Adam Malysz waren ein, zwei Jahre nahezu unschlagbar. Und auf einmal geht gar nichts
mehr?
Das ist oft Kopfsache. Ich habe mal sieben von den ersten acht Weltcupspringen in einer Saison
gewonnen. Da war ich in einem besonderen Zustand. Da stehst du oben und weißt: Du machst das
Richtige und bist der Beste. Keiner hat eine Chance gegen dich. Und dann springt einer im Training
plötzlich weiter als du. Du denkst: „Habe ich einen Fehler gemacht?“ Dann greifst du vielleicht in
ein System ein, das gar keinen Fehler hat. Und der Schuss geht nach hinten los …
Wie viel kann ein Fahnenmeer in einem vollen Stadion bewirken?
Das macht schon was aus. Wenn man auf den Balken geht, hört man die Leute und den Sprecher.
Allerdings: Sobald man in der Spur ist, hört man gar nichts mehr.
Volle Konzentration.
Ja, der totale Tunnelblick. Da kommt man nahe an sein Unterbewusstsein. Manchmal fahre ich die
Anlaufspur runter und wundere mich über ein sinnloses Detail. Ein Auto auf dem Parkplatz, das dort
vorher noch nicht stand. Gedanken, die man zu diesem Zeitpunkt gar nicht braucht. Aber das sind oft
die besten Sprünge, weil sich die erlernten und perfektionierten Bewegungsabläufe automatisieren.
Einmal bin ich auf den Tisch zugefahren und habe mich auf einmal gefragt, was das eigentlich soll. „
Warum bin ich hier? Was tue ich da?“ Und dann habe ich einen absoluten Supersprung
rausgelassen.
Sieht man im Flug die jubelnde Menge?
Nein. Du siehst nur nach unten. Der Blick haftet zwischen K-Punkt und Hill-Size.
Also zwischen dem Punkt, an dem der Landehang bereits flacher wird,
und der kritischen Weite, bei der die Jury über eine Anlaufverkürzung berät.
Ja, da musst du hin. Und versuchst, den Sprung so weit wie möglich zu ziehen.
Und ab wann ist klar, dass es ein guter Sprung wird?
Das spürt man in der Sprungübergangsphase auf dem Schanzentisch. Da weißt du schon, wie weit
der Sprung ungefähr gehen wird. Dann musst du ihn nur noch optimal zu Ende bringen.
Wie weit wird es mit Thomas Morgenstern noch gehen, der mit 23 Jahren
bereits Doppel-Olympiasieger und fünffacher Weltmeister ist?
Es gibt schon noch einige Träume und Ziele. Die Vierschanzentournee zu gewinnen und natürlich
einen Einzel-Weltmeistertitel zu holen. Skispringen ist meine Leidenschaft, so viel steht fest. Der
Rest steht in den Sternen.
Der doppelte Olympiasieger
Thomas Morgenstern wurde am 30. Oktober 1986 in Spittal an der Drau (Kärnten)
geboren. Bei der Vierschanzen-Tournee 2002/2003 flog er mit einem sechsten Platz in der
Gesamtwertung erstmals in die Weltspitze. Fünf Tage später feierte er im tschechischen Liberec im
Alter von 16 Jahren den ersten Weltcupsieg. Zwischen 2005 und 2009 wurde er viermal
Team-Weltmeister im Skispringen und einmal im Skifliegen. Bei den Olympischen Spielen in Turin 2006
holte er mit der österreichischen Mannschaft zweimal Gold. In der Saison 2007/2008 gewann er zudem
den Gesamtweltcup. Thomas Morgenstern ist ledig und lebt in Kärnten.
Fotos:
Red Bull Photofiles/RayDemski.com
Einfach hier klicken