Vorsicht, eng und steil!
Sie sind schmal und sie sind steil; sie sind gefährlich, aber auch spannend: Rinnen gehören
zu den selektivsten Abschnitten einer Skitour. Wann man sie meiden muss, wie man sie
begeht und wie man drauf abfährt – wir haben Hans Bergmann, Ausbildungsleiter der Berg- und
Skiführer in Österreich, neun Fragen dazu gestellt.
Damit kein falscher Eindruck entsteht. Wir wollen hier – weder mit dem spektakulären Bild
rechts noch mit dem geschriebenen Wort – den Skitourengehern keineswegs den Respekt vor diesen mehr
oder weniger steilen und spektakulären Abschnitten einer Skitour nehmen. Faktum aber ist: Oft sind
Rinnen unausweichlicher Bestandteil einer Route
– mit den zwei einzig möglichen Konsequenzen: sie zu bezwingen oder auf die Tour ganz zu
verzichten.
Genau für diese Entscheidungsfindung wollen wir hier den
Tourensportlern ein paar wichtige Ratschläge geben. Und zwar zeitgerecht, bevor die Tourenplanung
für die Saisonhöhepunkte im Frühjahr erst so richtig losgeht. Und damit sind wir auch schon
mittendrin im Frage-Antwort-Spiel mit Hans Bergmann, dem Outdoor-Intersportcoach und
Ausbildungsleiter der österreichischen Berg- und Skiführer:
Gibt es eigentlich eine Faustregel, wann
Rinnen grundsätzlich befahren werden können?
Die Regel ergibt sich ganz von selbst: Ich kann eine Rinne
dann befahren, wenn keinerlei Risiko besteht! Klar, die günstigste Zeit für das Befahren von
steilen Rinnen ist an sich das Frühjahr. Aber auch dann nur bei absolut stabilen
Schneeverhältnissen.
Die günstigste Zeit für das Befahren von steilen Rinnen ist
sicher das Frühjahr und das auch nur bei stabilen Schneeverhältnissen. Das Befahren bei einem
trockenen Schneedeckenaufbau erfordert ein wesentlich höheres Maß an lawinenkundlichem
Beurteilungsvermögen.
Ist das Erkennen bzw. das Beurteilen von
Lawinengefahr in Rinnen anders als auf normalen Hängen?
Die Mechanismen einer Lawinenauslösung sind in einer Rinne die gleichen wie in anderen
Steilhängen, die Gefahr wird lediglich durch verschiedene Faktoren oft länger „konserviert“
. Zum Beispiel, wenn durch Neigung, Exposition und Geländeform weniger Sonneneinstrahlung in
die Rinne gelangt.
Kann man grundsätzlich sagen, dass in Rinnen meist andere
Schneeverhältnisse herrschen?
Rinnen sind grundsätzlich mehr gefährdet für Triebschneeansammlungen und das nicht nur
kammnah, sondern weil es auch häufig zu hangparallelen Einwehungen kommt. Eine Rinne hat im
Gegensatz zu Flanken auch mehrere Expositionen. Zum Beispiel weist eine Westrinne neben der
Hauptexposition West auch Südwest- und Nordwestausrichtungen auf. Dadurch kann sich links im Sinne
der Abfahrt durch eine wesentlich bessere Sonnenabschattung ein ungünstiger Schneedeckenaufbau „
verbergen“. Daher nochmals die Warnung: Wer in Rinnen unterwegs ist, muss absolut gute Kenntnisse
in der Erkennung von Lawinengefahren haben.
Im „Skitourenführer Österreich Ost“ des Alpinverlags haben die Autoren
Jentzsch eine Schwierigkeitsskala auch für Steilrinnen aufgestellt. Wie soll der normale
Tourengeher mit der Klassifizierung einer Tour umgehen?
Bergerfahrene Autoren wie Schall oder Jentzsch haben bei ihren Skitourenbeschreibungen
mittlerweile eine ziemlich einheitliche und zutreffende Schwierigkeitsskala. Diese Bewertungen
beziehen sich allerdings auf skitechnische bzw. klettertechnische Schwierigkeiten. Bei jeder
Schwierigkeitsklassifizierung sollte man aber auf jeden Fall bedenken, dass ungünstige
Schneeverhältnisse – vor allem eine harte und womöglich noch unregelmäßige Schneeoberfläche – die
Schwierigkeit bzw. eine Absturzgefahr deutlich erhöhen können.
Wie kann also ein Tourengeher abschätzen, welche Rinne er sich
zutrauen kann bzw. welche Voraussetzungen er dafür haben muss?
Die Voraussetzungen sind in diesen Schwierigkeitsskalen, gleich wie bei Klettersteigen, gut
definiert. Ich würde allerdings empfehlen, in Abhängigkeit von den nicht immer berechenbaren
Verhältnissen stets eine persönliche Sicherheitsreserve zu berücksichtigen.
Gibt es bestimmte Techniken, die man beim Besteigen einer Rinne
beherrschen muss?
Vorweg muss man sagen, dass für den Aufstieg eher eine andere Route als eine Rinne gewählt
werden sollte, sofern das möglich ist. Man verliert dabei allerdings den Vorteil der Erkundung der
aktuellen Verhältnisse. Geht‘s nur durch die Rinne nach oben, dann kann der Aufstieg bei
einfacheren Rinnen mit den Skiern erfolgen. Eine sichere, gute Gehtechnik inklusive verschiedener
Spitzkehrentechniken ist hier klarerweise Grundvoraussetzung. Und natürlich sind, wenn‘s hart ist,
Harscheisen Pflicht! In steileren und vor allem auch engen Rinnenpassagen wird meist zu Fuß
aufgestiegen. Steigeisen und eventuell auch Pickel gehören dabei zur Standardausrüstung.
Und dann beim Abfahren – was kann oder soll man sich effektiv
zutrauen?
Die persönliche Skitechnik muss natürlich den Definitionen bei den schon vor der Tour
ermittelten Schwierigkeitsgraden entsprechen. Hier ist absolut kein Platz für
Selbstüberschätzung oder falschen Ehrgeiz. Und wieder gilt: Unbedingt bei der Beurteilung der
eigenen Fähigkeit eine Sicherheitsreserve für eventuell ungünstigere Verhältnisse einbauen. Eine
Rinne, die bei „Butterfirn“ relativ leicht befahrbar ist, kann bei harten Verhältnissen durchaus
wesentlich größere Schwierigkeiten bieten.
Gibt es bestimmte Verhaltensregeln beim Aufsteigen und beim Abfahren
in Rinnen – zum Beispiel, wenn auch andere Tourengeher in der Rinne unterwegs sind?
„Verkehrsregeln“ in dem Sinn gibt‘s nicht.Sind Personen übereinander im Aufstieg unterwegs,
vor allem in engen Passagen, so kann es natürlich zu einer gegenseitigen Gefährdung kommen. Hier
ist Rücksichtnahme, wie allgemein beim Bergsport üblich, unbedingt notwendig.
Und für den Fall der Fälle: Wie kann man sich am besten schützen, wenn
man in einer Rinne bei der Abfahrt oder auch beim Aufstieg stürzt?
Der wichtigste Schutz ist klarerweise die entsprechende Ausrüstung. Und damit gleich Punkt 1:
In derart exponierten Lagen, wie es eine Rinne ist, geht auch bei Tourenabfahrten nichts mehr ohne
Helm! Dazu kommt die entsprechende Bekleidung – also auch bei Schönwetter steigt und fährt man in
Rinnen nur langärmelig und mit Handschuhen! Achtung auch auf korrekte Bindungseinstellung: Die
Skier sollten sich auf keinen Fall lösen. Und schließlich sollte der Skityp, was Wendigkeit,
Gewicht, Breite und Taillierung betrifft, der Art der Rinne und den Verhältnissen
entsprechen.
Regeln für die Rinnen
• Erkunde schon beim Planen einer Tour, ob dabei Rinnen zu befahren sind und welchen
Schwierigkeitsgrad sie aufweisen. Tipp: Auf www.bergsteigen.at sind alle Skitouren auch mit
Schwierigkeitsgrad bezeichnet.
• Beurteile deine eigenen skitechnischen Fähigkeiten sehr kritisch. Das Befahren von
Steilrinnen ist wirklich nur ausgezeichneten Skifahrern vorbehalten. Falscher Ehrgeiz kann tragisch
enden.
• Beachte und beurteile sehr genau die Schnee- und Lawinensituation.
• Überlege dir genau, ob du in eine Rinne einfährst – ein Zurück ist manchmal nur schwer
möglich.
• Der erste Schwung in einer Rinne ist oft der wichtigste. Beginne daher sehr konzentriert und
bedächtig.
• Geh anfangs mit erfahrenen Tourengehern mit, aber hab auch den Mut haben, „Nein“ zu
sagen, wenn dir etwas zu gefährlich wird.
Der Experte
Hans Bergmann aus Wels (OÖ) ist seit sieben Jahren Ausbildungsleiter der
österreichischen Berg- und Skiführer und Intersport-Coach im Bereich Outdoor.
Kontakt:
bergmann@gmx.at
Fotos: Ralf Hochhauser, Thomas Wallner, KK
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